Das Buch vom Leben - Band 1 

Hingabe aus Furcht und Ehrfurcht

Schicksalsschläge und Leid bringen viele dem Entschluss näher, sich Gott hinzugeben. Andere üben Hingabe aus Ehrfurcht. Doch wie erfahren wir Gott?

Hingabe aus Furcht

Werden wir schließlich von den Schicksalsschlägen nur ausreichend schlimm ergriffen und geschüttelt, dann meinen wir schließlich einsehen zu können, dass es keinen Sinn macht, sich gegen das Schicksal zu wehren. Der (gefühlte) Widerstand gegen das Höhere bricht. Leid hat in dieser Logik also eine höhere Funktion und ist quasi unabdingbar, um diese unendliche Stärke anerkennen zu können und damit bewusster zu werden. Sie würde uns so lehren wo wir im Verhältnis zu höheren Kräften stehen und lehrt uns einsichtig zu werden.

Aber ich frage: Ist das nicht Hingabe aus Furcht?

Wieder andere predigen aus der obigen Erfahrung, oder einer inneren Erkenntnis heraus, dass man sich besser der Allmacht Gottes sofort und ganz ergeben solle, da man ohnehin keine Chance gegen diese Urgewalt besitze und den vorgegebenen Gesetzen und Kräften folgen müsse. Ansonsten würde man entweder noch zu Lebzeiten, oder spätestens danach gerichtet werden. Ähnlich verhält es sich mit dem sehr verbreiteten Verständnis zum Ansammeln von Karma. Da jede Handlung und jeder Gedanke in unserem Leben Folgen besitzt, deren Konsequenzen wir zu einem anderen Zeitpunkt „tragen“ müssen, verstehen viele darin ein ähnliches Konzept, wie das der Sünde und der Schuld. Diese entstehen durch unser Handeln,  existieren real, werden quasi in einem unauslöschlichen Register eingetragen und müssen selbst verantwortet und getragen werden. Daraus folgt für viele, dass nur ein rechtes Leben die Lösung aus diesem Problem weist. Was nun ein rechtes Leben ist, dazu gibt es in vielen Religionen und Philosophien ein klares Bild und ein klares Regelwerk. Man müsse nur lange und häufig genug rechte Handlungen und Gedanken ausüben, dann schafft man es, das vorhandene Karma abzubauen und sich selbst zu realisieren.

Ist dies nicht auch eine schwere Täuschung und letztlich Erzeugung einer Dualität durch unsere Wahrnehmung? Dem Entkommen des Schicksals durch Disziplin, Rechtschaffenheit und Befolgung von Regeln. Der Wahrnehmung, dass es rechtes Tun gäbe und wir, oder irgendjemand dies beurteilen könne. Doch wer hat diese Regeln bestimmt? Wer urteilt hier?

Ich frage: Ist dies nicht auch Hingabe aus Furcht?

Hingabe aus Ehrfurcht

Eine solche Wahrnehmung wird durch wieder andere sogar noch übertroffen. Diese folgen der Lehre, dass wir niemals von Gott getrennt waren, da wir Gott sind – zumindest ein Teil von ihm – und uns eine Trennung nur durch unsere getäuschten Sinne und den Verstand einbilden. Es gilt in diesem Konzept, den Verstand zu beruhigen (manche sprechen sogar von töten (!)), unsere Wahrnehmung zu ändern und die göttliche Einheit zu erkennen. In diesem Verständnis ist das Unendliche in uns und wir müssen es „nur“ erkennen und zulassen. Auch hier handelt es sich um ein Modell, eine bestimmte Vorstellung Gottes. Das Modell lautet in seiner Konsequenz: Gott ist Alles und unser Verstandes-Bewusstsein ist Nichts. Aber wie kann Bewusstsein, das gleichzeitig Gott sein soll, nur ein „Nichts“ und nur ein Traum sein?

Ich frage: Ist dies nicht Hingabe aus Ehrfurcht?

Hingabe aus Abwesenheit von Furcht und Ehrfurcht

In manchen Philosophien wird noch ein wesentlicher Schritt weiter gegangen. Hier herrscht sogar die Sicht, dass Nichts getan werden muss, da alles schon getan ist. Dies entsteht einem Verständnis von „Gott ist Alles und Nichts zugleich“. Doch wie kann ein Verständnis von Alles und Nichts, von der Unendlichkeit richtig sein?

Ich frage: Ist dies nicht Hingabe aus Abwesenheit von Furcht und Ehrfurcht zugleich?

Ergeben wir uns Gott geschieht dies meist aus Furcht oder Ehrfurcht, oder beides. Aber wie können wir glauben, die Unendlichkeit zu verstehen? Lassen wir uns nicht nur von eigenen Vorstellungen und mentalen Konzepten leiten? Gott kann nicht durch konzeptionelle Hingabe, sondern nur über das eigene Herz erfahren werden.